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Wildgräser - Raygras - Lolium

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VP-Archivar
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Wildgräser - Raygras - Lolium

Beitrag von VP-Archivar »

owl schrieb am 30.08.2007, 02:46:

Hallo

nachdem ich an den von meinem Mann mitgebrachten Raygräsern nen auffälligen Pilz entdeckt habe (s. Foto unten), und nachdem mein Nymphenmännchen gestern abend brechen musste, wollte ich das viel gepriesene Raygras mal etwas genauer unter die Lupe nehmen. Vorweg: meinem Nymph geht es heute zum Glück wieder gut, die Gräser habe ich selbstverständlich nicht angeboten. Trotzdem kann ich nicht ausschliessen, dass er dran geknabbert hat, obwohl sie noch gar nicht gebündelt inner Küche lagen. Dann fiel mir noch ein, dass mein Wellimännchen letzten Sommer auch mal brechen musste, auch er hatte zuvor Wildgräser, u.a. Raygras gefuttert. So viel als kleine Einleitung.

Dieser Pilz ähnelt in seinem Erscheinungsbild sehr stark dem Mutterkorn, an welchem früher sehr viele Menschen krank geworden oder sogar gestorben sind, nachdem er im Brotteig verarbeitet worden ist. 1938 gelang es dem Chemiker Albert Hofmann aus dem im Mutterkorn enthaltenen Alkaloid das LSD herzustellen, welches ja nun nicht gerade tödlich ist. Soviel nur zur Einleitung... jetzt zu meinen Suchresultaten:

zunächst habe ich nur dieses hier gefunden, wobei ich mich mit den Rostpilzen Uredo- und Teleutosporen noch lange nicht zufrieden gab.

Also weitergesucht... und bei der mikroökonomie folgendes gefunden:

Lolch (Lolium)
- Taumel-Lolch (L. temulentum.L): Die Pflanze ist oft vom endoparasitischen Pilz Acremonium coenophalium (ein Verwandter des Mutterkornpilzes) befallen, der u. a. neurotoxische Indolalkaloide bildet, wodurch die gesamte Pflane giftig wird. Da der Taumel-Lolch früher häufig in Getreideäckern wuchs, gelangten oft Samen in das Mahlgut und in das Mehl. Durch den Genuss des so verunreinigten Mehles kam es zu Vergiftungserscheinungen wie Schwindel (Taumeln, daher der Name) und Sehstörungen, in seltenen Fällen sogar zum Tod. Heute kommt dies durch Pestizide und Getreidereinigung nicht mehr vor.
- Lein-Lolch (L. remotum Schrank.)
- Steif-Lolch (L. rigidum)
- Italienisches Raygras, Welsches Weidelgras, Vielblütiger Lolch (L. multiflorum Lamk.)
- Deutsches Weidelgras, Englisches Raygras, Ausdauernder Lolch (L. perenne L.)
- Oldenburgisches Weidelgras, Bastard-Lolch (L. x hybridum)


noch immer nicht zufrieden, bei der Uni Zürich weiter gesucht:

Hauptwirkstoffe:
Lolin, Lolinin (Pyrrolizidin-Alkaloide); Perlolin, Perlolidin, (früher nachgewiesenes Temulin wurde gemäss neueren Studien nicht gefunden); toxische Glycolipide (Corynetoxine) in den Samenkörnern nach Infektion mit Nematoden (Anguina agrostis) und Corynebakterien; Mycotoxine.

Wirkungsmechanismen:
Die Alkaloide erwiesen sich im Tierversuch als nur schwach toxisch, die Corynetoxine jedoch führten zu den charakteristischen ZNS-Störungen (zentrale Depression und Muskellähmung).

als ob das nicht schon genug wäre, um zu überdenken, ob ich meinen Geiern weiterhin Raygras anbieten werde, macht sich jetzt auch noch die Agro-Gentechnik dran zu schaffen. Von massgeschneiderten Hybriden mit Festuca-Arten, las ich hier auf Seite 23 und 24.

Durch die Möglichkeit der beliebigen Übertragbarkeit von Genen der Lolium- und Festuca-Kulturarten
durch konventionelle Züchtungsmethoden sowie der Herstellung „maßgeschneiderter" Sorten mittels genomischer
in situ-Hybridisierung (GISH) ist die gentechnische Veränderung dieser Arten etwas in den
Hintergrund getreten (HUMPHREYS et al. 1997, ZELLER 1999). Demgegenüber wird jedoch auch die Meinung vertreten, daß die Fortschritte der konventionellen Züchtung bei Gräsern im Vergleich zu Getreidearten
geringer sind und daher gentechnische Methoden genutzt werden sollten (WANG & POSSELT 1997).


rein äusserlich und optisch dürften sie für nen Laien kaum zu unterscheiden sein.
Hier das Lolium perenne und Lolium temulentum

meine Konsequenzen die ich daraus ziehe... dass ich meinen Räubern kein Raygras mehr sammeln werde. Es gibt genügend andere interessante, leckere und vor allem ungefährliche Wildgräser. Das Risiko ist mir zu gross, zumal meine Geier möglicherweise wegen des Raygras brechen mussten.
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Re: Wildgräser - Raygras - Lolium

Beitrag von VP-Archivar »

floyd schrieb am 30.08.2007, 07:40:

vielen dank owl, für diese wertvollen informationen!

kleine randnotiz:
das dieses übel "gentechnik" aber auch schon überall seine dreckigen finger drin haben muß... auf gras wäre ich jetzt nie gekommen!

grüße floyd
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Re: Wildgräser - Raygras - Lolium

Beitrag von VP-Archivar »

owl schrieb am 30.08.2007, 16:31:

Hallo floyd

nix zu danken. Bei solchen "Entdeckungen" sehe ich es als meine Pflicht, andere VogelhalterInnen auf die Verwechslungsgefahr aufmerksam zu machen. Selbige ist m.M. durchaus gegeben. Vermutlich bin ich auch nicht die Einzige, die nicht wusste, dass es mehrere Unterarten des Raygras bzw. Lolium gibt. Ich bin nur froh, dass ich den Gräsern auf den Zahn gefühlt habe, noch bevor Schlimmeres passiert ist. Wer denkt denn daran, dass im "stinknormalen" Weidel- oder Raygras Toxine drin sein könnten, bzw. dass es täuschend ähnliche Unterarten geben könnte ?

Die Agrogentechnik: floyd, das Thema ist für mich ein rotes Tuch. Vieles von dem Genzeugs landet auch "verschleiert" auf unseren Tellern. Man kann nicht genug aufpassen, zumal die mittel- und langfristigen Risiken so gut wie gar nicht erforscht sind. Ferner haben diese Pflanzen m.M. in der Natur nichts zu suchen. Nach jahrzehnte langem Fehler machen, haben wir offenbar nix dazu gelernt. Die Auswirkungen der Gentechnik auf Natur und Umwelt haben fatale Folgen, vor allem auf kleine Tiere, auch auf Vögel, welche sich ja bekanntlich von Samen, Insekten etc. ernähren.
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