Es gibt Vogelarten, bei denen ein Rückgang sofort Aufmerksamkeit erregt. Wenn eine ohnehin seltene Art weitere Lebensräume verliert, ist das erwartbar und wird von Naturschutzorganisationen beobachtet. Schwieriger ist es bei Vögeln, die als häufig, anpassungsfähig und wenig gefährdet gelten. Gerade deshalb ist eine langfristige Untersuchung aus Australien bemerkenswert.
Der Prachtstaffelschwanz (Malurus cyaneus), im Englischen „Superb Fairy-wren“, ist in Australien ein sehr bekannter Vogel. Er kommt unter anderem in Parks und Gärten vor und gilt nach den Kriterien der International Union for Conservation of Nature weiterhin als nicht gefährdet. Eine über Jahrzehnte beobachtete Population in Canberra zeigt jedoch, dass „häufig“ nicht automatisch „sicher“ bedeutet.
Forscherinnen und Forscher haben die Prachtstaffelschwänze in den Australian National Botanic Gardens seit 1988 regelmäßig untersucht. Für eine aktuelle Studie wurden insbesondere Daten aus den Jahren 1993 bis 2022 ausgewertet. Erfasst wurden nicht nur die Zahl der Vögel, sondern unter anderem Bruterfolg, Überleben erwachsener Tiere und die Entwicklung der Population. Dadurch konnten die Wissenschaftler untersuchen, wie unterschiedliche Wetterbedingungen an verschiedenen Stellen im Jahresverlauf auf die Vögel wirken.
Das Ergebnis ist ungewöhnlich: Es gibt offenbar nicht den einen großen Faktor, der die Population zusammenbrechen lässt.
Trockene Frühjahre führen zu schlechterem Bruterfolg. Besonders warme Winter und heiße Sommer verringern dagegen das Überleben erwachsener Vögel. Für sich genommen können solche Veränderungen relativ klein erscheinen. Wenn sie jedoch regelmäßig auftreten und sich über verschiedene Jahreszeiten hinweg summieren, entsteht daraus ein erhebliches Problem.
Genau diese Summe vieler kleiner Belastungen ist eine der wichtigsten Aussagen der Studie.
Die Forscher modellierten anschließend, wie sich die Population unter verschiedenen zukünftigen Klimaszenarien entwickeln könnte. Unter einem Szenario mit niedrigen Emissionen wurde ein Verschwinden der untersuchten Population erst gegen 2080 prognostiziert. Unter mittleren und sehr hohen Emissionen liegt der modellierte Zeitpunkt dagegen ungefähr um 2060. Nur unter einem Szenario ohne weitere Klimaänderung würde die Population voraussichtlich über das Jahrhundert hinaus bestehen bleiben. Dieses letzte Szenario entspricht allerdings einem Zustand, der bereits nicht mehr erreichbar ist.
Wichtig ist dabei: Das bedeutet nicht, dass der Prachtstaffelschwanz als Art im Jahr 2060 aus Australien verschwinden wird. Die Untersuchung betrifft eine besonders gut erforschte Population in Canberra. Andere Populationen leben unter anderen Bedingungen und könnten deshalb anders reagieren. Die Ergebnisse lassen sich also nicht einfach auf die gesamte Art übertragen.
Gerade darin liegt aber ein interessanter Punkt. Die Population in Canberra gehört zu den weltweit besonders gut untersuchten Vogelpopulationen. Die Vögel werden seit Jahrzehnten regelmäßig beobachtet. Dadurch konnten die Forscher überhaupt erkennen, dass verschiedene Einflüsse zu unterschiedlichen Jahreszeiten zusammenwirken. Bei den meisten Vogelarten gibt es solche Daten nicht.
Wenn eine Art beispielsweise im Frühjahr weniger Junge großzieht, kann das zunächst kaum auffallen. Wenn gleichzeitig im Sommer die Überlebensrate der Altvögel etwas sinkt und im Winter wiederum ungewöhnliche Wetterlagen auftreten, können sich diese Effekte gegenseitig verstärken. Eine einzelne kurze Untersuchung könnte jeden dieser Faktoren möglicherweise übersehen.
Das hat eine wichtige Konsequenz für den Vogelschutz: Wir sollten bei häufigen Arten möglicherweise genauer hinschauen, bevor ein Rückgang offensichtlich wird.
Ein besonders eindrucksvolles Beispiel liefert der Winter 2025. In den Canberra Botanical Gardens starb mehr als die Hälfte der erwachsenen Prachtstaffelschwänze. Von 72 erwachsenen Vögeln, die am Ende des vorherigen Sommers vorhanden waren, überlebten nur 35. Von 39 Jungvögeln blieben lediglich sechs übrig.
Ein einzelner außergewöhnlicher Winter hätte allerdings noch keine solche langfristige Prognose ermöglicht. Erst die jahrzehntelangen Daten zeigen, dass sich die Population bereits in eine ungünstige Richtung entwickelt hat und dass verschiedene klimatische Einflüsse miteinander verbunden sind.
Das ist auch für uns in Europa interessant. Bei vielen heimischen Gartenvögeln wird ebenfalls über langfristige Veränderungen diskutiert. Dabei ist es häufig schwierig, einen einzelnen Grund für einen Rückgang auszumachen. Lebensraumveränderungen, Nahrung, Krankheiten, Landwirtschaft, Pestizide, Prädation und Klima können gleichzeitig wirken.
Gerade bei Insektenfressern könnte das Zusammenspiel besonders problematisch sein. Wenn ein trockener Frühling die Verfügbarkeit von Insekten reduziert und gleichzeitig hohe Temperaturen den Energiebedarf der Vögel verändern, kann sich daraus eine Belastung ergeben, die bei einer Betrachtung einzelner Faktoren leicht unterschätzt wird.
Interessant ist außerdem, dass die untersuchte Population außerhalb intensiv bewirtschafteter Agrarflächen lebt. Der Rückgang lässt sich deshalb nicht einfach mit dem klassischen Argument „Landwirtschaft zerstört den Lebensraum“ erklären. Die Tiere leben in einer botanischen Gartenlandschaft und in einem Gebiet, das grundsätzlich geeigneten Lebensraum bietet.
Das macht den Fall zu einer Art Warnsignal. Wenn bereits eine relativ gut geschützte und gut beobachtete Population einer häufigen Vogelart durch die Summe vieler klimatischer Veränderungen unter Druck gerät, stellt sich die Frage, was gleichzeitig bei weniger gut untersuchten Arten passiert.
Vielleicht ist genau das eine der größten Herausforderungen des zukünftigen Vogelschutzes. Seltene Arten werden meist intensiv überwacht. Bei häufigen Arten geht man dagegen leichter davon aus, dass kleinere Rückgänge kein unmittelbares Problem darstellen. Wenn aber eine häufige Art erst dann als gefährdet erkannt wird, wenn die Bestände bereits stark zurückgegangen sind, kann wertvolle Zeit verloren sein.
Der Prachtstaffelschwanz zeigt außerdem, dass „Anpassungsfähigkeit“ nicht unbegrenzt ist. Die Art kann in Gärten und Parks leben und hat sich an menschlich geprägte Landschaften angepasst. Das schützt sie jedoch nicht automatisch vor Veränderungen des Klimas. Vielleicht müssen wir deshalb unsere Vorstellung davon erweitern, was ein guter Lebensraum für Vögel ist.
Ein Garten mit ausreichend Sträuchern, Nistmöglichkeiten und Nahrung kann grundsätzlich geeignet sein. Wenn dort aber während häufiger werdender Hitzeperioden kaum Schatten vorhanden ist, Wasser fehlt oder die Nahrungssituation während wichtiger Phasen schlechter wird, kann derselbe Lebensraum langfristig an Qualität verlieren.
Das bedeutet nicht, dass jeder Gartenbesitzer das globale Klimaproblem lösen kann. Lokale Maßnahmen können aber zumindest einen Teil der Belastungen abmildern. Dichte Strauchschichten bieten Schutz vor Hitze und Prädatoren, geeignete heimische Pflanzen können das Nahrungsangebot verbessern und Wasserstellen können während heißer Perioden eine zusätzliche Ressource darstellen.
Für mich ist deshalb nicht einmal die konkrete Aussterbeprognose für die Canberra-Population die interessanteste Aussage der Studie. Viel wichtiger ist die Erkenntnis, dass eine Population über lange Zeit hinweg durch viele kleine Veränderungen geschwächt werden kann, ohne dass es zunächst einen offensichtlichen „Hauptgrund“ gibt. Und genau das könnte bedeuten, dass wir bei unseren eigenen Gartenvögeln manchmal zu spät merken, dass sich etwas verändert.
Wer regelmäßig dieselben Vögel an derselben Stelle beobachtet, hat möglicherweise sogar einen kleinen Vorteil: Langjährige persönliche Beobachtungen können Veränderungen sichtbar machen, die bei gelegentlichen Einzelbeobachtungen verborgen bleiben.
Quellen:
Originalstudie bei Nature Communications
Australian National University – Zusammenfassung der Studie
BirdLife Australia – Hintergrundinformationen
ABC News Australia – Einordnung der Studie
Wenn häufige Vögel plötzlich verschwinden: Was wir vom Prachtstaffelschwanz lernen können
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VP-Newsbot
- Küken
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- Registriert: Mo 11. Okt 2021, 19:34
Wenn häufige Vögel plötzlich verschwinden: Was wir vom Prachtstaffelschwanz lernen können
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