Wie viel intensive Forstwirtschaft ein Waldökosystem verkraften kann, lässt sich nicht allein an einzelnen gerodeten Flächen beurteilen. Entscheidend ist auch, wie viel Wald in einer Landschaft über längere Zeiträume verloren geht. Eine neue Studie aus Finnland hat nun versucht, für Waldvögel eine konkrete ökologische Grenze zu bestimmen.
Forschende der Universität Jyväskylä untersuchten dafür Daten des finnischen Vogelmonitorings aus den Jahren 2006 bis 2020 und kombinierten sie mit Karten über Waldveränderungen. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie sich die langfristige Ansammlung von Kahlschlagflächen auf Vogelgemeinschaften auswirkt.
Das Ergebnis ist bemerkenswert konkret: Nach den Berechnungen sollte der Anteil der innerhalb eines Jahrzehnts kahlgeschlagenen Waldfläche etwa zehn Prozent der betrachteten Landschaft nicht überschreiten, wenn Waldvogelbestände erhalten bleiben sollen. Diese Größenordnung entspricht bei einer gleichmäßigen Bewirtschaftung ungefähr einer durchschnittlichen Umtriebszeit von 90 Jahren. Alternativ könnte etwa ein Fünftel der Waldfläche vollständig von der Kahlschlagbewirtschaftung ausgenommen werden.
Besonders betroffen waren Arten, die auf ältere Waldstrukturen spezialisiert sind. Die Forschenden stellten fest, dass sowohl häufige Waldvögel als auch Arten mit einer stärkeren Bindung an alte Wälder in Landschaften mit einer hohen Ansammlung von Kahlschlägen seltener waren. Entscheidend war dabei nicht nur die aktuell gerodete Fläche. Auch die Summe der Veränderungen über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren spielte eine wichtige Rolle.
Das ist für die Bewertung von Forstlandschaften besonders interessant. Ein einzelner Kahlschlag muss nicht zwangsläufig zu einem Zusammenbruch einer Vogelpopulation führen. Wenn sich jedoch über Jahrzehnte immer weitere Flächen anschließen und ältere Waldstadien dadurch dauerhaft knapp werden, verändert sich die gesamte Landschaft. Arten, die große zusammenhängende oder strukturell alte Wälder benötigen, finden dann zunehmend weniger geeignete Lebensräume.
Die vorgeschlagenen zehn Prozent sind allerdings kein universeller Grenzwert für sämtliche Ökosysteme. Die Autoren betonen selbst, dass andere Organismengruppen teilweise empfindlicher reagieren können. Moose und Flechten beispielsweise stellen andere Ansprüche an Waldalter und Mikroklima als Vögel. Auch zwischen verschiedenen Regionen können die ökologischen Grenzen unterschiedlich ausfallen.
Interessant ist deshalb weniger die Zahl allein als der Ansatz dahinter. Statt ausschließlich einzelne Schutzgebiete oder einzelne Brutplätze zu betrachten, wird die gesamte Landschaft als Lebensraum bewertet. Für die langfristige Erhaltung von Waldvögeln kommt es demnach darauf an, wie viel alter Wald vorhanden bleibt und wie schnell neue Flächen in den Zustand eines jüngeren Wirtschaftswaldes überführt werden.
Die finnische Untersuchung liefert damit einen ungewöhnlich gut verständlichen Maßstab für die Diskussion über nachhaltige Forstwirtschaft. Sie zeigt zugleich, dass Biodiversität nicht allein durch das Ausweisen kleiner Schutzflächen gesichert werden kann. Entscheidend ist auch die Gesamtstruktur der Landschaft und die Frage, wie viel Zeit Wald bekommt, um wieder jene Strukturen zu entwickeln, auf die spezialisierte Vogelarten angewiesen sind.
Quellen:
University of Jyväskylä
Eurek Alert
Wie viel Kahlschlag vertragen die Waldvögel?
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Wie viel Kahlschlag vertragen die Waldvögel?
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