Interessant ist weniger der Wettbewerb zwischen den Arten als die Auswahl selbst. NABU und LBV haben die fünf Kandidaten nach Naturschutzkriterien zusammengestellt. Damit wird die Wahl erneut zu einer Art jährlichem Schaufenster für unterschiedliche Probleme der Vogelwelt. Wer gewinnt, erhält ein Jahr lang besondere Aufmerksamkeit und wird zum Botschafter für sein jeweiliges Schutzthema.
Der Kolkrabe steht dabei für den Umgang mit großen Wildvögeln, die trotz ihrer heutigen Erholung regional weiterhin verfolgt werden. Der Kranich wiederum verweist auf die Bedeutung geeigneter Feuchtgebiete: Seine Bestände profitieren zwar in Deutschland von erfolgreichen Schutzmaßnahmen, gleichzeitig sind Rast- und Schlafplätze entlang der Zugwege einem erheblichen Nutzungsdruck ausgesetzt.
Bei Mehlschwalbe und Trauerschnäpper geht es stärker um den schleichenden Verlust der Nahrungsgrundlage und geeigneter Brutplätze. Beide Arten sind auf eine Landschaft angewiesen, in der genügend Insekten vorhanden sind. Die Mehlschwalbe benötigt zusätzlich geeignete Gebäude und offene Lehmbereiche für den Nestbau, während der Trauerschnäpper als Höhlenbrüter unter anderem von geeigneten Brutplätzen in Wäldern und Parks abhängig ist.
Die Wasseramsel fällt aus diesem Muster etwas heraus. Sie ist kein klassischer Langstreckenzieher, sondern eng an schnell fließende, sauerstoffreiche Gewässer gebunden. Ihr Vorkommen macht deshalb sichtbar, wie stark auch kleine Fließgewässer von Gewässerqualität, Struktur und dem Erhalt naturnaher Ufer abhängen. Der Vogel kann unter Wasser laufen und dort nach Larven und anderen Kleintieren suchen – eine Lebensweise, die ihn zu einem besonders anschaulichen Vertreter intakter Bachökosysteme macht.
Wasseramsel auf Futtersuche
Constantin Böhmer, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
Die Wahl hat damit eine Funktion, die über einen populären Titel hinausgeht. Der Gewinner wird zwar für ein Jahr besonders bekannt, gleichzeitig rückt mit ihm ein konkretes Problem stärker in die öffentliche Wahrnehmung. Nach der Wahl setzen NABU- und LBV-Gruppen beispielsweise Schutzmaßnahmen wie das Anbringen von Nistkästen, das Pflanzen von Hecken oder die Aufwertung von Lebensräumen um.
Der Titel ist deshalb weniger eine Auszeichnung für den „schönsten“ oder seltensten Vogel als ein jährlich wechselndes Naturschutzthema mit einem gefiederten Stellvertreter. Welche Art ab Januar 2027 diese Rolle übernimmt, entscheidet diesmal wieder die öffentliche Wahl.
Quellen und weitere Infos:
NABU – Ablauf und Regeln der Wahl
LBV – Informationen zum Kolkraben
LBV – Informationen zur Wasseramsel
LBV – Informationen zu Natur- und Artenschutzmaßnahmen