Kranich (Grus grus)
Charles J. Sharp, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
Das Prinzip ist ebenso einfach wie eindrucksvoll. Für jede Art können animierte Karten aufgerufen werden, die zeigen, wie sich ihre Verbreitung im Jahresverlauf verändert. Dabei lassen sich nicht nur verschiedene Jahre miteinander vergleichen, sondern auch zwei Arten gleichzeitig betrachten. So kann beispielsweise die aktuelle Ausbreitung des Weißstorchs der des Kranichs gegenübergestellt werden. Gerade im Herbst, wenn sich die Zugbewegungen vieler Arten innerhalb weniger Wochen deutlich verändern, wird aus einer statischen Verbreitungskarte eine Art europäische Vogel-Landkarte in Bewegung.
Hinter dem neuen Angebot steckt allerdings wesentlich mehr als eine hübsche Kartendarstellung. Die Daten stammen von mehr als 200.000 freiwilligen Vogelbeobachtern, die ihre Beobachtungen über die verschiedenen europäischen Meldeportale übermitteln. Seit 2010 sind auf diese Weise bereits mehr als 750 Millionen Vogelbeobachtungen zusammengekommen; allein im Jahr 2026 waren es bis zur Veröffentlichung der neuen Version rund 76 Millionen.
Die Beobachtungen werden täglich automatisch an die zentrale EuroBirdPortal-Datenbank übermittelt. Dadurch können auch die Karten täglich aktualisiert werden. Das macht das System besonders interessant für den Vogelzug: Veränderungen, die sich sonst erst im Nachhinein aus vielen Einzelmeldungen erkennen lassen, werden während des laufenden Zuggeschehens sichtbar.
Dabei ist das Portal nicht als punktgenauer Live-Radar für einzelne Vögel zu verstehen. Die Karten zeigen Verbreitungsmuster auf einem Raster von 30 × 30 Kilometern. Außerdem können bei sehr aktuellen Beobachtungen noch Fehler oder unbestätigte Meldungen enthalten sein, weil die üblichen Prüfverfahren bei ganz frischen Daten naturgemäß noch nicht abgeschlossen sind. Das Portal weist deshalb ausdrücklich darauf hin, dass die sogenannten LIVE-Karten mit den jüngsten verfügbaren Daten nicht mit einer vollständig validierten wissenschaftlichen Kartierung gleichzusetzen sind.
Gerade diese Kombination aus Aktualität und großer Datenmenge macht das Projekt dennoch wissenschaftlich interessant. Aus einzelnen Beobachtungen entsteht ein europaweites Bild saisonaler Bewegungen. Die Daten können dadurch nicht nur zeigen, wo eine Art gerade vorkommt, sondern langfristig auch helfen, Veränderungen ihrer Verbreitung und ihres Zugverhaltens zu erkennen.
Bemerkenswert ist zudem, dass hinter dem System 52 ornithologische Organisationen aus 41 Ländern stehen. Das EuroBirdPortal ist damit ein gutes Beispiel dafür, welchen Wert viele einzelne Beobachtungen bekommen können, wenn sie nach gemeinsamen Standards zusammengeführt werden. Der einzelne Eintrag eines Vogelfreundes bleibt lokal, zusammen mit Hunderttausenden anderen Meldungen kann daraus jedoch ein Bild der Vogelwelt eines ganzen Kontinents entstehen.
Für die praktische Vogelbeobachtung eröffnet der neue Viewer ebenfalls interessante Möglichkeiten. Wer beispielsweise wissen möchte, ob eine bestimmte Zugvogelart bereits weitergezogen ist, kann die aktuelle Karte mit früheren Jahren vergleichen. Für die Forschung wiederum ist besonders wertvoll, dass dieselbe Datenbasis nicht nur einzelne spektakuläre Beobachtungen abbildet, sondern die alltägliche Beobachtungstätigkeit von Zehntausenden Menschen zusammenführt.
Damit wird aus Citizen Science etwas, das weit über eine Sammlung einzelner Sichtungen hinausgeht: ein täglich aktualisiertes Beobachtungsfenster auf die Vogelwelt Europas.
Quellen:
European Bird Census Council
EuroBirdPortal
EuroBirdPortal – Daten und Interpretation
Sovon