Tongrube Hammerschmiede (Pforzen) 02
Thomas Springer, CC0, via Wikimedia Commons
Besonders bemerkenswert ist der Fund eines ungewöhnlichen Greifvogels. Die neue Art Mioaetus pforzenensis ist nur durch einen Teil des Laufbeins belegt, doch dessen Form unterscheidet sich deutlich von heutigen Greifvögeln und erinnert in einigen Merkmalen an einen Fischadler. Aus der Anatomie schließen die Forschenden auf eine Flügelspannweite von mehr als einem Meter und vermuten, dass der Vogel Fische mit seinen Fängen erbeutete. Der Name Mioaetus bedeutet sinngemäß „Adler aus dem Miozän“ und verweist zugleich auf die zeitliche Einordnung des Fundes.
Noch ungewöhnlicher ist Bavaricarbo brevirostris, ein neu beschriebener Vertreter einer ausgestorbenen frühen Seitenlinie der Kormorane. Bei ihm zeigen Oberarmknochen und Laufbein eine Kombination von Merkmalen, die sich von modernen Kormoranen unterscheidet. Die Anatomie spricht dafür, dass dieser Vogel wahrscheinlich besser fliegen konnte als heutige Kormorane, beim Tauchen aber eher auf flache Gewässer spezialisiert war. Das passt zu dem Flusssystem, das vor rund 11,6 Millionen Jahren durch die heutige Region des Ostallgäus verlief. Auch ein winziger Segler gehört zu den neuen Funden. Sein Oberarmknochen ist lediglich 9,9 Millimeter lang und damit auffallend klein. Fossilien von Seglern sind besonders selten, weil diese Vögel einen großen Teil ihres Lebens in der Luft verbringen. Ein toter Vogel gelangt daher deutlich seltener in eine Umgebung, in der seine Knochen erhalten und später als Fossil entdeckt werden können.
Die sechs neu untersuchten Arten sind nicht nur für die Vogelevolution interessant. Zusammen mit bereits bekannten Funden entsteht ein Bild eines äußerst produktiven Flussökosystems. Neben mindestens zwei Kormoranarten, einem Schlangenhalsvogel, einem Seetaucher und dem neuen Greifvogel lebten dort zahlreiche weitere Fischfresser. Zu ihnen gehörten nach bisherigen Untersuchungen mehrere Otterarten und Robben sowie fischfressende Schildkröten und große Salamander. Hinzu kamen Raubfische wie Hecht, Wels und ein Donau-Lachs.
Damit lässt sich die damalige Nahrungskette wesentlich detaillierter rekonstruieren als bei vielen anderen europäischen Fossillagerstätten. Die Forschenden kommen vorläufig auf mindestens 13 verschiedene Fischfresser, die auf die Fischfauna dieses Flusssystems zugriffen. Interessant ist dabei auch die ökologische Wirkung solcher Tiere: Kormorane und andere fischfressende Vögel sowie Otter nehmen Nährstoffe aus dem Wasser auf und bringen sie über ihre Ausscheidungen an Land zurück. Dieser Nährstofftransport könnte ein Teil der Erklärung dafür sein, warum die Hammerschmiede eine ungewöhnlich hohe biologische Vielfalt bewahrt hat. Inzwischen wurden an der Fundstelle rund 50.000 Fossilien von 161 Wirbeltierarten geborgen. Vögel machen dabei nur ungefähr einen von 40 Knochenfunden aus und sind damit am Fundort vergleichsweise selten. Gerade deshalb sind die neuen Entdeckungen wertvoll: Sie zeigen, dass selbst eine relativ kleine Zahl von Vogelknochen ausreicht, um die ökologische Geschichte eines längst verschwundenen Flusses erheblich genauer zu rekonstruieren.
Die Hammerschmiede wird seit 2011 wissenschaftlich untersucht, seit 2017 unter Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern im Rahmen eines Citizen-Science-Projekts. Die laufenden Grabungen liefern weiterhin neues Material. Das heutige Allgäu erscheint dadurch für einen Moment als das, was es vor Millionen Jahren einmal war: eine Landschaft mit großen Flüssen, ungewöhnlichen Vögeln und einer erstaunlich dichten Gemeinschaft von Fischjägern.
Quellen:
Universität Tübingen
Informationsdienst Wissenschaft
Swiss Journal of Palaeontology – Originalpublikation
Senckenberg – Sektion Ornithologie