Slender-billed Curlew
C. R. Bree, Public domain, via Wikimedia Commons
Die Zahlen sind ernüchternd: 45 Prozent der weltweit erfassten Zugvogelarten befinden sich im Rückgang, etwa jede neunte Art gilt inzwischen als vom Aussterben bedroht. Besonders schlecht stehen Arten da, die auf Meereslebensräume, Küstenfeuchtgebiete oder Wälder angewiesen sind. Bei ihnen treffen mehrere Probleme zusammen: Lebensraumverlust, intensivere Landwirtschaft, nicht nachhaltige Jagd, invasive Arten und die Folgen des Klimawandels.
Das eigentlich Neue an der aktuellen Diskussion ist deshalb die Betrachtung der gesamten Zugroute. Für einen Vogel, der beispielsweise in Nordeuropa brütet und südlich der Sahara überwintert, reicht ein perfekt geschütztes Brutgebiet nicht aus. Wird unterwegs ein wichtiges Feuchtgebiet zerstört, fehlt ein Rastplatz zur falschen Zeit. Verschlechtert sich ein weiterer Lebensraum im Winterquartier, kann auch eine ansonsten erfolgreiche Brutsaison ihre Wirkung verlieren. Zugwege sind deshalb keine Linien auf einer Landkarte, sondern Ketten aus zahlreichen Gebieten, die funktionell miteinander verbunden sind.
Wie empfindlich dieses System sein kann, zeigt der Schlankibis beziehungsweise Dünnschnabel-Brachvogel. Die Art wurde 2025 offiziell als ausgestorben eingestuft. Der letzte bestätigte Nachweis stammt aus einer Lagune in Marokko im Februar 1995. Damit ging eine Zugvogelart verloren, deren Jahreszyklus sich über große Teile Eurasiens und des Mittelmeerraums erstreckte.
Gleichzeitig zeigt der Bericht, dass Schutzmaßnahmen durchaus funktionieren können. Für den Balkanbestand des Schmutzgeiers konnte ein internationales Schutzprogramm den Rückgang stoppen. Entscheidend waren dabei Maßnahmen entlang verschiedener Stationen des Zugweges und nicht nur am Brutplatz. Gerade solche Beispiele sprechen dafür, Schutzmaßnahmen stärker über Ländergrenzen hinweg zu planen.
Beim Global Flyways Summit wurde deshalb die Nairobi Flyways Declaration verabschiedet. Regierungen, Wissenschaftler, Naturschutzorganisationen und Finanzinstitutionen verständigten sich darin auf eine engere Zusammenarbeit zum Schutz der Zugwege. Auch die Finanzierung soll stärker auf diese großräumige Perspektive ausgerichtet werden. Nach Angaben von BirdLife wurden seit 2021 bereits mehr als sechs Milliarden US-Dollar an Mitteln von Entwicklungsbanken für entsprechende Schutzmaßnahmen mobilisiert.
Für Europa ist dieser Ansatz besonders relevant. Viele Arten, die hier brüten, verbringen einen beträchtlichen Teil ihres Jahres außerhalb Europas. Schutzmaßnahmen an der deutschen oder europäischen Küste können deshalb nur ein Teil der Lösung sein. Ein erfolgreiches Schutzgebiet in der Sahelzone, ein erhaltener Rastplatz am Mittelmeer und ein naturnahes Brutgebiet in Deutschland gehören aus Sicht des Vogels zum selben Lebensraumverbund.
Damit verändert sich auch die Perspektive auf den Vogelzug. Nicht nur die Zahl der geschützten Flächen zählt, sondern deren Lage zueinander und ihre ökologische Qualität. Der internationale Schutz von Zugwegen versucht genau diese Lücken zu schließen – und könnte damit zu einem der wichtigsten Ansätze für den Erhalt wandernder Vogelarten werden.
Quellen:
BirdLife International
BirdLife DataZone
BirdLife International – Global Flyways
BirdLife International Tokyo