Rosakakadu (Eolophus roseicapilla) (11179413123)
Bernard Spragg. NZ from Christchurch, New Zealand, CC0, via Wikimedia Commons
Die Versuchssituation war ungewöhnlich einfach: Die Vögel konnten freiwillig an einem Flug teilnehmen oder in ihrer Voliere bleiben. Es gab weder eine Belohnung für das Mitmachen noch eine Strafe für das Ausbleiben. Trotzdem entschieden sich die Tiere nahezu jedes Mal für den Flug. Nur zwei Vögel ließen jeweils einmal eine Gelegenheit aus.
Allein die freiwillige Teilnahme beweist allerdings noch nicht, dass Fliegen den Tieren Freude bereitet. Deshalb untersuchte das Forschungsteam zusätzlich ihr Verhalten und ihren emotionalen Zustand. Nach den Flügen suchten die Rosakakadus beispielsweise häufiger nach verstreutem Futter, obwohl sie zuvor bereits gefressen hatten. Außerdem wurden häufiger Verhaltensweisen beobachtet, die mit erhöhter Erregung oder Aktivität verbunden sind.
Besonders interessant war ein sogenannter kognitiver Bias-Test. Dabei lernten die Vögel, dass eine bestimmte Farbe mit einer besonders begehrten Walnuss verbunden war, während eine andere Farbe eine weniger attraktive Belohnung ankündigte. Bei einem Zwischenton musste der Vogel gewissermaßen eine Erwartung bilden: Ein eher optimistisch gestimmtes Tier reagierte häufiger so, als rechne es mit der besseren Belohnung.
Nach mehreren aufeinanderfolgenden Tagen mit Flugmöglichkeiten wurden die Rosakakadus tatsächlich optimistischer. Wurde ihnen der Flug dagegen über mehrere Tage verwehrt, verschob sich ihre Reaktion in die entgegengesetzte Richtung. Das ist deshalb bemerkenswert, weil der Test nicht einfach eine momentane Aufregung nach dem Fliegen misst, sondern Hinweise auf eine länger anhaltende Veränderung des emotionalen Zustands liefern kann.
Bei einem weiteren Untersuchungsansatz suchten die Forschenden nach Veränderungen eines Abbauprodukts von Glukokortikoiden im Kot, also von Hormonen, die unter anderem mit Stressreaktionen zusammenhängen. Hier zeigte sich allerdings kein eindeutiger Unterschied zwischen Flug- und Nichtflug-Tagen. Das spricht dafür, die Ergebnisse nicht zu einfach als „Fliegen senkt Stress“ zu interpretieren. Körperliche Anstrengung kann dieselben hormonellen Messgrößen nämlich ebenfalls beeinflussen.
Die Forschenden ziehen deshalb eine vorsichtige Schlussfolgerung: Die verschiedenen Beobachtungen zusammen sprechen dafür, dass freier Flug bei Rosakakadus mit einem positiven emotionalen Zustand verbunden ist. Ob daraus im menschlichen Sinn tatsächlich ein bewusst empfundenes Glücksgefühl folgt, lässt sich mit solchen Experimenten nicht direkt feststellen. Gerade diese Unterscheidung ist bei der Erforschung von Tieremotionen wichtig.
Für die Haltung von Papageien besitzt die Untersuchung trotzdem eine praktische Bedeutung. Wenn Fliegen nicht nur ein Mittel zur Fortbewegung, sondern ein grundlegendes, positiv erlebtes Verhalten ist, reicht eine Haltung mit ausreichend Platz zum Sitzen und Klettern möglicherweise nicht aus. Freier Flug könnte vielmehr zu den Verhaltensweisen gehören, die bei der Gestaltung einer guten Haltung besonders berücksichtigt werden sollten.
Die Studie ist zugleich erst ein Anfang. Rosakakadus sind ausgesprochen flugaktive Papageien, die in freier Wildbahn große Entfernungen zur Nahrungssuche zurücklegen. Bei Greifvögeln, Tauben, Enten oder Arten mit völlig anderer Lebensweise könnte die Bedeutung des Fliegens anders aussehen. Gerade deshalb ist die Untersuchung interessant: Sie eröffnet eine neue Perspektive auf eine Fähigkeit, die für Vögel so alltäglich ist, dass wir ihren möglichen Erlebniswert bisher kaum beachtet haben.
Quellen:
Universität Utrecht
Utrecht University – Originalstudie
DOI / Behaviour
Scientific American