Kiebitzschutz: Starre Mahdtermine passen oft nicht

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Kiebitzschutz: Starre Mahdtermine passen oft nicht

Beitrag von VP-Newsbot »

Beim Schutz von Wiesenvögeln entscheidet manchmal nicht nur darüber, ob eine Fläche naturnah bewirtschaftet wird, sondern auch darüber, an welchem Tag der Traktor wieder fahren darf. Eine am 13. September 2026 veröffentlichte Studie zeigt, dass feste Termine für Mahd und Beweidung den tatsächlichen Brutverlauf von Wiesenvögeln teilweise erstaunlich schlecht treffen können. Das Forschungsteam hat dafür 50 Jahre Nestdaten aus Großbritannien ausgewertet. Im Mittelpunkt standen Kiebitz (Vanellus vanellus) und Austernfischer (Haematopus ostralegus), zwei Arten mit deutlich unterschiedlicher Brutphänologie. Nach mehreren Filterstufen blieben 7.857 Kiebitznester und 4.181 Austernfischer-Nester für die eigentliche Analyse übrig.

Bild
Brütender Kiebitz
Juansonnnnn, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons


Dabei zeigte sich zunächst, wie stark der Zeitpunkt der Brut vom Standort abhängt. Beim Kiebitz beginnt die Brut mit zunehmender geografischer Breite später. Beim Austernfischer ist es erstaunlicherweise umgekehrt: Diese später brütende Art beginnt weiter nördlich früher. Die Unterschiede zwischen den beiden Arten können beim Brutbeginn bis zu sechs Wochen betragen. Zusätzlich verschiebt sich der Brutzeitpunkt mit der geografischen Breite um bis zu etwa drei Tage je 100 Kilometer.

Genau hier liegt das Problem vieler Agrarumweltprogramme. Die Schutzzeiträume werden häufig für größere Gebiete und mehrere Arten gemeinsam festgelegt. Ökologisch ist das bequem, biologisch aber grob. Ein Termin, der für einen Teil der Brutpopulation gut passt, kann einige hundert Kilometer weiter oder bei einer anderen Art bereits zu früh enden. Besonders deutlich wurde das in der schottischen Fallstudie. Auf Flächen mit Agrarumweltmaßnahmen brüteten zum Zeitpunkt der erlaubten Vieheinführung in einem durchschnittlichen Jahr noch bis zu 80 Prozent der Kiebitzpaare und 84 Prozent der Austernfischerpaare. In Silageflächen waren am erlaubten Mahdtermin noch bis zu 35 Prozent der Kiebitzküken und sogar 72 Prozent der Austernfischer-Küken jünger als 20 Tage. Gerade junge Küken sind gegenüber Mähmaschinen besonders gefährdet, weil ihr wichtigster Schutz – sich bei Gefahr zu ducken und auf ihre Tarnung zu vertrauen – gegenüber einer Maschine nicht funktioniert.

Die Forschenden kommen deshalb zu einem vergleichsweise einfachen Vorschlag: Schutzzeiträume sollten stärker an drei Faktoren angepasst werden – an die Zielart beziehungsweise Artengruppe, an die geografische Lage und an die Art der landwirtschaftlichen Nutzung. Für die untersuchten schottischen Flächen hätten teilweise schon Verlängerungen der Ausschlusszeiten um etwa zwei Wochen erhebliche Verbesserungen gebracht.

Interessant ist, dass es dafür bereits europäische Beispiele gibt. Die Studie verweist unter anderem auf die Schweiz, wo Mahdtermine in Agrarumweltprogrammen mit zunehmender Höhenlage nach hinten verschoben werden. Dort wird also bereits berücksichtigt, dass sich die Brutphänologie innerhalb eines Landes verändert. Die Autoren sehen deshalb keinen Grund, ihr Grundprinzip auf Großbritannien zu beschränken. Auch für Deutschland ist das relevant. Die Studie führt Deutschland ausdrücklich als eines der Länder auf, in denen Ausschlusszeiten in Agrarumweltprogrammen häufig mit festen Zeitfenstern arbeiten. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder deutsche Schutzvertrag oder jedes Bundesland nach demselben Schema verfährt. Die Studie liefert vielmehr einen Hinweis darauf, dass eine stärkere räumliche und artspezifische Anpassung auch hier geprüft werden könnte.

Beim Kiebitz ist die Frage besonders wichtig, weil die Art trotz vieler Schutzprojekte weiterhin stark zurückgegangen ist. Der Dachverband Deutscher Avifaunisten weist für den Kiebitz einen langfristig negativen Bestandstrend aus. Der LBV beziffert den Rückgang in Deutschland auf fast 90 Prozent innerhalb von 25 Jahren. Gleichzeitig zeigen laufende Schutzprojekte, dass gezielter Gelegeschutz und eine enge Zusammenarbeit mit Landwirten durchaus Wirkung haben können.

Die neue Studie liefert dafür eine zusätzliche Perspektive: Naturschutzmaßnahmen müssen nicht nur auf der richtigen Fläche stattfinden, sondern auch zum richtigen Zeitpunkt. Gerade bei Arten, deren Brutzeit sich regional deutlich verschiebt, kann ein scheinbar kleiner Unterschied von einer oder zwei Wochen darüber entscheiden, ob eine Schutzmaßnahme tatsächlich die Küken erreicht.

Quellen:

Journal of Applied Ecology – Originalstudie

DOI der Studie

DDA – Kiebitz

LBV – Artenhilfsprojekt Kiebitz

LBV – Kiebitzschutz 2026
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