Heiße Quellen und dampfende Böden gehören normalerweise nicht zu den Orten, an denen man gezielt nach Vögeln sucht. Rund um Rotorua auf der Nordinsel Neuseelands haben Forschende jedoch ein Verhalten beobachtet, das eine ungewöhnliche Erklärung nahelegt: Einige Vogelarten halten sich an geothermalen Stellen besonders häufig mit der Gefiederpflege auf. Möglicherweise nutzen sie dabei schwefelhaltige Dämpfe, um Parasiten oder Krankheitserreger aus ihrem Gefieder zu entfernen.
Die Untersuchung wurde von einem Team der University of Otago durchgeführt und im Fachjournal Ornithology veröffentlicht. Beobachtet wurden sechs Vogelarten an geothermalen und vergleichbaren nicht-geothermalen Standorten in der Umgebung von Rotorua. Insgesamt kamen 334 Beobachtungen mit einer Gesamtbeobachtungszeit von rund 3.000 Minuten zusammen. Auffällig war vor allem das Verhalten von Schwarzschwänen und Möwen. An den geothermalen Standorten verbrachten sie mehr Zeit mit der Gefiederpflege als an den Vergleichsflächen. Beim Putzen und Auflockern des Gefieders könnten die Vögel den schwefelhaltigen Dampf gezielt an die Haut und zwischen die Federn gelangen lassen.
Die Idee dahinter ist biologisch durchaus plausibel. Schwefelverbindungen besitzen antimikrobielle Eigenschaften und werden seit Langem auch zur Bekämpfung bestimmter Pilze und Parasiten eingesetzt. Für Vögel könnte eine solche Umgebung daher theoretisch einen ähnlichen Nutzen haben wie bestimmte Formen der sogenannten Selbstmedikation, bei denen Tiere Pflanzen, Mineralien oder andere Stoffe aufnehmen oder nutzen, die ihnen möglicherweise bei der Abwehr von Krankheitserregern helfen.
Allerdings ist genau hier Vorsicht angebracht. Die Studie weist keinen direkten Rückgang von Parasiten nach und zeigt auch nicht, dass die Vögel bewusst Schwefel zur Behandlung eines Befalls aufsuchen. Beobachtet wurde zunächst lediglich ein Zusammenhang zwischen dem Aufenthalt in geothermalen Gebieten und häufigerem Putzen. Die Autoren selbst bezeichnen die Ergebnisse deshalb als vorläufig und sehen weiteren Forschungsbedarf. Bemerkenswert ist auch, dass die Forscher nicht nur eine einzelne Vogelart untersuchten. Das Verhalten unterschied sich zwischen den Arten, was darauf hindeutet, dass die Nutzung geothermaler Lebensräume nicht einfach eine allgemeine Reaktion auf Wärme ist. Bei manchen Arten könnte die Gefiederpflege eine Rolle spielen, während andere die Gebiete aus ganz anderen Gründen aufsuchen. Geothermale Flächen bieten beispielsweise besondere Nahrungsquellen, offene Bereiche oder günstige mikroklimatische Bedingungen.
Damit berührt die Untersuchung ein größeres Thema der Verhaltensökologie. Tiere verfügen über zahlreiche Möglichkeiten, mit Parasiten und Krankheitserregern umzugehen, doch viele dieser Strategien sind schwer zu erkennen. Wenn ein Vogel eine bestimmte Umgebung nicht zur Nahrungssuche, zur Fortpflanzung oder zur Flucht vor Feinden aufsucht, sondern dort auffällig viel Zeit mit Körperpflege verbringt, kann das ein Hinweis auf eine bislang übersehene Funktion sein. Die Ergebnisse sind deshalb auch deshalb interessant, weil sie einen ungewöhnlichen Lebensraum in die Verhaltensökologie der Vögel einbeziehen. Geothermale Gebiete sind extreme Lebensräume, in denen Temperatur, Mineralien und chemische Zusammensetzung des Wassers und der Luft deutlich von der Umgebung abweichen. Offenbar können solche Bedingungen für bestimmte Tiere nicht nur erträglich, sondern möglicherweise sogar nützlich sein.
Ob Vögel tatsächlich eine Art natürliche „Schwefelbehandlung“ nutzen, müssen weitere Untersuchungen klären. Dafür wären unter anderem Messungen der Parasitenbelastung vor und nach dem Aufenthalt sowie kontrollierte Vergleiche verschiedener geothermaler Bedingungen erforderlich. Die aktuelle Studie liefert zunächst einen ungewöhnlichen und gut überprüfbaren Hinweis darauf, dass Gefiederpflege bei Vögeln möglicherweise noch eine weitere Funktion besitzt, als bisher angenommen.
Quellen:
University of Otago
Ornithology – Originalstudie
DOI der Studie
EurekAlert – University of Otago
Nutzen Vögel heiße Quellen zur Parasitenabwehr?
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- Registriert: Mo 11. Okt 2021, 19:34
Nutzen Vögel heiße Quellen zur Parasitenabwehr?
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